Warum Schach zunehmend in den Lehrplänen der Schulen auftaucht
Von Marie-Chantal Tajdel
„Schach macht schlau“ bindet das Königsspiel in den Unterricht ein. 1500 Grundschulkinder in Bremen und Bremerhaven sind dabei.

Der König ist dick. Das ist die erste Regel, die die Kinder der Grundschule Glockenstraße beim Schachspiel gelernt haben. Und weil er dauernd isst und einen so dicken Bauch hat, kann kein anderer König in seiner Nähe stehen. „Ich habe mich zunächst schon gefragt, wie man den Kindern diese Regeln beibringen kann“, sagt Schulleiterin Sylvia Rugen bei der Auftaktveranstaltung zu „Schach macht schlau“ am Montag in der Turnhalle der Hemelinger Grundschule. Alle acht ersten bis vierten Klassen der Schule machen mit. Ihre Zweifel hat Sylvia Rugen nach den ersten Wochen aber abgelegt: Freude, Denken, Austausch – so fasst sie ihre Beobachtungen zusammen. 

Marco Bode hat bereits als Zehnjähriger Schach gelernt. Er engagiert sich als Projektleiter dafür, das Spiel Kindern beizubringen und so ihre Schulleistungen zu fördern. 

(Foto: Frank Thomas Koch)

Nach den Sommerferien ist das bundesweit größte Pilotprojekt zur Einbindung von Schach in den Schulunterricht gestartet. 1500 Grundschulkinder aus 70 Klassen aus Bremen und Bremerhaven lernen einmal in der Woche eine Stunde lang Schach. Hinter der Idee, Kinder direkt in den Schulen mit dem Schachspiel zu fördern, steht der Verein „Das erste Buch“. Gemeinsam mit dem Schünemann-Verlag möchte er Kindern Lust aufs Lesen machen und dabei ganz nebenbei ihre Kreativität und ihr Selbstbewusstsein stärken.

Das Projekt hat viele Unterstützer, darunter die Bremische Volksbank und BLG Logistics, die die Schulen mit Arbeitsheften, Schachspielen oder der Online-Software ausstatten. Vor allem leistungsschwächere Kinder sollen über das Königsspiel ihre sozialen Fähigkeiten schulen, die Konzentration verbessern sowie das logische Denken und ihre mathematischen Fähigkeiten verbessern – so die Hoffnung des Vereins „Das erste Buch“.

Bremer Schuldbehörde setzt das Projekt um

Projektleiter und Ex-Werderspieler Marco Bode wird von den Kindern begeistert in der Schulturnhalle begrüßt. Als er das Konzept hinter der Idee erklärt, sitzen die Schüler im Halbkreis auf dem Boden und hören ihm gespannt zu. „Wir hoffen, dass die Kinder, erfolgreicher und besser in der Schule werden“, sagt er. Schach soll sie schlauer machen. „Wer fühlt sich denn schon schlauer?“, fragt Bode, der selbst seit seinem zehnten Lebensjahr Schach spielt. Fast alle Kinder melden sich. Er nickt zufrieden.

„Wir hoffen, dass die Kinder, erfolgreicher und besser in der Schule werden“

Marco Bode

Umgesetzt wird das Projekt gemeinsam mit der Bremer Schulbehörde. Bildungssenatorin Claudia Bogedan geht es dabei vor allem um die Langfristigkeit von „Schach macht schlau“. Das Schachspiel soll nicht nur als AG angeboten, sondern im Schulunterricht integriert werden und so alle Schüler erreichen. „Jedes Kind ist anders“, sagt Claudia Bogedan. Schach biete dabei eine Methode, mit der es möglich sei, Kinder vom jeweiligen Bildungsstand abzuholen. Sie hofft deshalb, dass das Projekt möglichst bald die Pilotebene verlässt und in allen Schulen für alle Kinder in Bremen und Bremerhaven angeboten wird. „Das Projekt hat das Potenzial dazu“, sagt sie.

Höheres Sprachverständnis durch Schach

Dass Schach längst nicht nur etwas für Eliten ist, beweist auch eine Studie des Zentrums für psychologische Diagnostik der Universität Trier. Die Forscher fanden in den Jahren 2003 bis 2007 heraus, dass das Mathematik- und Leseverständnis der Schachspieler in den vierten Klassen doppelt so hoch war wie das der Schüler im Landesdurchschnitt in Rheinland-Pfalz. Das Sprachverständnis ist sogar dreimal höher als das der Nicht-Schachspieler, so die Wissenschaftler. Den Forschern fiel in der Studie zudem auf, dass insbesondere leistungsschwächere Schüler besonders vom Schachspiel profitierten.

Und dass Schach nicht nur schlaumachen kann, sondern auch Spaß macht, beweisen die Hemelinger Schulkinder am Morgen in der Turnhalle der Grundschule. Als die Schulleiterin die Schüler fragt, ob Schach sie begeistert, rufen sie laut „Ja“. Dann nehmen sich immer zwei Kinder ein Schachbrett, setzen sich auf den Boden und üben das, was sie nach einer kleinen Lehrstunde bei Schachautor Björn Lengwenus aus Hamburg gelernt haben: Schachmatt, der König ist tot; das Spiel gewonnen.

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Am 4. Mai spielte ich beim Schachclub Sottrum nahe Bremen zu dessen 60-jährigem Jubiläum simultan. Wie schon bei der 30-, 40- und 50-Jahr-Feier, wir wollen das bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag fortführen; nur fürchte ich, dass der Schachclub den längeren Atem hat. Diesmal war freilich etwas anders.

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„Das erste Buch e. V.“